Agentur für bessere Texte
Imme Frahm-Harms, Germanistin

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Walter M.

Kapitel 4:
Der Schokoladenkrieg

Ich hab ja schon häufiger hier den Begriff „Post-Semester“ benutzt. Diesen Begriff haben wir nicht nur intern benutzt. Üblich war ja zu sagen, ich bin im dritten oder vierten Semester. Wir waren einfach das Post-Semester. Und alle Welt verstand das. Irgendwann haben wir es zu einer gewissen Berühmtheit sogar im ganzen Lipper Land bis hin nach Nordrhein-Westfalen gebracht. Dort in Westfalen lag auch der Ursprung des Übels begraben, von dem ich jetzt erzählen will. Da haben wir sogar Schlagzeilen gemacht. Und das hing wiederum mit dem Essen zusammen.

Das Thema Essen dominierte 1947 eigentlich alles. Natürlich kam es bei 60 Studenten auch mal zu Kabbeleien. Das ist ja auch normal. Nicht aber in diesem Moment, da stand das Semester wie ein Mann zusammen. Ich sagte schon, als Mittagessen gab es Schulspeisung für uns. Wobei ich der Meinung bin, dass diese Schulspeisung eine zusätzliche Speisung war. Die Kinder, die von der Schule nach Hause kamen, haben sicherlich bei Vater und Mutter noch was anderes gegessen. Es war also eigentlich nur so ein besseres zweites Frühstück. Und es war grundsätzlich immer nur ein Schlag aus dem Schöpflöffel.

Dort passierte eines Tages etwas Sensationelles. Ob die Besatzungsmächte plötzlich irgendwelche humanen Anwandlungen bekamen oder ob sie irgendwo ein vor sich hingammelndes Lager größerer Ordnung aufgemacht haben, plötzlich hieß es: In der nächsten Woche gibt es zum Mittagessen Schokolade. Wir haben das zuerst als Witz aufgefasst, aber uns doch auch mächtig gefreut. An dem Tag, als es die Schokolade geben sollte, war keine da. „Ja“, so sagten die Auslieferer zu uns. „Schokolade hatten wir heute schon, aber die war nicht für euch. Für Studenten gibt es keine.“

Da haben wir uns besonnen, dass es doch ein Wort gibt, das Demokratie heißt. Und da haben wir gedacht, dass wir die mal ein bisschen für uns nutzen könnten. In der Hoffnung, dass es für uns was bringen würde.

Die „Zeche“ selbst hatte nichts damit zu tun. Der nächste Ansprechpartner war für uns die Stadt Lippe. Sowas wie eine Stadtverwaltung gab es allerdings noch nicht. Aber was es gab, war ein Stadtrat mit einem frei gewählten Bürgermeister. Da war also auch die Demokratie eingezogen. Die Verwaltung fummelte allerdings nur so vor sich hin. Die kam erst langsam wieder in Gang. Meistens hatte die ja mit Lebensmittelkarten zu tun, war zugleich aber auch Wohnamt. Es war alles reguliert. Man konnte nicht einfach irgendwo hinkommen und dort wohnen. Man brauchte eine Wohnberechtigung. Das kam alles langsam wieder in Gang.

Nachdem wir die Zuständigkeit spitz gekriegt hatten, waren wir der Meinung: Wenn jemand was für uns tun kann, dann sind die das. Wir haben uns wirklich anständig benommen, uns auch ganz höflich angemeldet und sind daraufhin zu einer Sitzung geladen worden. Der Gesprächspartner hatte gemeint, man sollte das Thema gleich vor dem gesamten Rat ausbreiten. „Aha, Demokratie!“ haben wir gedacht, so läuft das.

Wir waren fast alle anwesend und haben uns die Demokratie angeschaut. Uns wurde das Wort erteilt und unser Sprecher erklärte, dass wir zu denen gehören, die Schulspeisung kriegen. Und dass wir uns dazu rechnen, wenn es im Rahmen dieser Schulspeisung Schokolade gibt. Wir würden nicht einsehen, warum wir die nun nicht kriegten.

Von denen kamen dann abwinkende Argumente wie zum Beispiel, wir seien doch alles ausgewachsene Männer und Schokolade sei doch was für Kinder. Und dann haben wir denen erst einmal klar gemacht, was Schokolade für einen jungen Menschen bedeutet. Von wegen nur für Kinder! Schokolade ist ja nicht nur ein Genussmittel, sondern ein wichtiger Kalorien-Lieferant.

Es war nicht die einzige Sitzung, an der wir teilgenommen haben. Die anderen sind nicht immer so friedlich verlaufen wie die erste. Aber es tat sich nichts für uns, es passierte rein gar nichts.

Wir haben dann die Demokratie weiter bemüht, indem wir als Post-Semester sicherlich einen der ersten Demozüge durch Lage/Lippe gestartet haben. Natürlich während der Vorlesungszeit, damit wir die Leute auch erreichten. Von der ganzen Akademie waren wir übrigens die einzigen, die dagegen protestierten. Die anderen Semester wären nie in der Lage gewesen, drei Kommilitonen zusammenzukriegen. Da wurschtelte jeder vor sich hin. Die kamen nur zur Vorlesung zusammen und gingen dann gleich wieder auseinander. Bei denen gab es keine Gemeinschaft. Das hob uns aus allen Semestern hervor. Das ist auch bis zum Schluss so geblieben. Noch wesentlich später - zehn, fünfzehn, ja zwanzig Jahre später - erinnerte sich jeder der Dozenten an das Post-Semester. Es war wirklich sagenhaft.

Diese Demonstration war für die damalige Zeit etwas sehr Ungewöhnliches, wir kamen sogar mit Fotos in die Zeitung. Es war unser erster Presseauftritt. Die Schlagzeile lautete: „Schokoladenkrieg in Lage“ mit dem Untertitel „Post-Semester geht auf die Straße“. Wir haben sicherlich für das Land Nordrhein-Westfalen Geschichte geschrieben, weil wir die erste Demonstration durchgeführt haben.

Man kann natürlich darüber streiten, ob es das richtige Mittel war. Für uns war es ein sehr, sehr wichtiges Mittel, denn wir wollten ja diese Schokolade haben. Da es zuerst nicht so aussah, als würden wir erfolgreich sein, haben wir noch einen drauf gesetzt. In der Nacht wurden drei oder vier Kommandos gebildet. Die Kommilitonen, die in Lage zu Hause waren, haben uns aus ihren Beständen mit Farbe und Pinseln versorgt. Und damit haben wir dann Parolen auf das Straßenpflaster gepinselt, die sich übrigens sehr lange gehalten haben. Es gab ja kaum Autos. Auch diese Aktion wurde in der Zeitung vermerkt.

Am Ende kriegten wir unsere Schokolade. Leider war das kein Dauerzustand, aber von den Resten haben wir noch etwas abbekommen. Heute würde man sagen, das Verfallsdatum der Schokolade wäre abgelaufen. Jedenfalls schmeckte sie ein wenig abgestanden, wir haben sie aber trotzdem mit Genuss und Genugtuung verspeist. Diese Aktion war  nur auf Nordrhein-Westfalen begrenzt. Und da vielleicht auch nur aufs Lipper Land. Das war uns aber egal. Es war uns jedenfalls mit den Mitteln der Demokratie geglückt, an die Schokolade zu kommen. Das war der sagenhafte Schokoladenkrieg. Und wir waren die Sieger!

Imme Frahm-Harms · Germanistin (M.A.) · Telefon: 0441/20 13 45 · textur(at)t-online.de
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