Agentur für bessere Texte
Imme Frahm-Harms, Germanistin

menulink

Rolf H.

Es war schummrig. Und eng. Etwa 15 Menschen – meine Mutter, wir sieben Kinder, Oma Warncken sowie die Familien Wenke und Wenzel - saßen zusammengekauert auf Holzbänken und Matratzen im Luftschutzkeller, der sich unter dem Haupthaus der Ziegelhofstraße 32a befand.
 
Es war vermutlich im Frühjahr 1945, so genau weiß ich es nicht mehr. Jedenfalls war es nicht kalt. Vier meiner Geschwister waren jünger als ich. Sie kannten nichts anderes als Krieg. Jetzt hier im Keller waren die Kleinen am Einnicken, einer jammerte. Immerhin hatte uns Mutter aus dem Schlaf geholt. Wir saßen schon die halbe Nacht dort unten. Die Erwachsenen unterhielten sich wenig und wenn, dann nur gedämpft. Von draußen hörten wir immer wieder Flugzeuge, die wahrscheinlich zum Bahnhof flogen. Oder zur GEG, dem Schlachthof, der mitten in der Stadt ganz in unserer Nähe lag. Aber das stellte sich ja alles später heraus. Im Augenblick waren wir alle unmittelbar bedroht.

Wir waren schon oft in den Keller geflüchtet. Manchmal haben wir es erst geschafft, wenn schon Vollalarm ausgelöst war. Unsere Mutter hatte ihre liebe Not, bis sie alle eingesammelt hatte. Insbesondere, wenn – was seltener vorkam – tagsüber Alarm war. Jeden Abend mussten wir unser Zeug in akkurater Reihenfolge sortieren, sodass wir es im Falle eines Falles in Windeseile anziehen konnten.

Plötzlich knallte es. Es ging alles ganz schnell. Die Erwachsenen sprangen von den Bänken. Wir Kinder schrieen. Etwas krachte durch die Kellerdecke. Unsere Mutter schrie »raus hier« und alle hasteten zur steilen, schmalen Holztreppe hin. Eine jedoch war die Schnellste: Oma Warncken, die saß nämlich direkt neben der Treppe. Aber dann ging‘s altersbedingt nicht so schnell weiter und so verstopfte sie für uns den Ausgang. Von hinten drängelten und schubsten die anderen. Ich hatte noch kein Wort dafür, aber es war eindeutig Panik im Keller. Zumal alle gesehen hatten, dass gerade dort an der Wand, wo Sekunden vorher mein Bruder Martin noch auf der Matratze gelegen hatte, die Bombe eingeschlagen war.

Endlich standen alle vor dem Haus. Es dämmerte schon. Eine Brandbombe war durch das Dach des Hauses geknallt wie wir später erfuhren, hatte zwei komplette Geschosse und die Kellerdecke durchschlagen. Zu unserem Glück hatte sie nicht gezündet. Wenn doch, wäre das er sichere Tod für uns alle gewesen.

Sattlerei und Polsterei Wilhelm Mönnich hieß die Werkstatt vor unserem Haus. Nun stand sie in hellen Flammen. Die Feuerwehr war bereits am Löschen, undichte Schläuche spritzten uns nass. Meine Mutter befahl - jetzt mit fester Stimme -, dass jeder von uns ein Geschwisterkind anfassen sollte. Die Kleinste, Elke, hatte sie zusammen mit einer Tasche auf dem Arm. Unsere Schwester weinte laut.

Um zur Nelkenstraße zum Bunker zu kommen, mussten wir an dem Feuer vorbei zur Friedrichstraße. Außer uns waren noch andere Menschen unterwegs. Ich sah Nachbarn, die sich an ihr Bündel klammerten und schneller als wir in Richtung Bunker rannten. Über uns brummten weitere Flugzeuge, Einschläge waren aber nicht zu hören.

Als wir ankamen, war der Schutzraum überfüllt. Kein Platz mehr für uns acht. Eine Frau aus dem daneben liegenden Haus winkte meiner Mutter. Dora schob uns nacheinander durch die Tür, sie folgte zuletzt. Die freundlichen Bewohner hatten unsere Not erkannt und wir durften in ihrem Schlafzimmer übernachten. Der Angriff der feindlichen Bomber war anscheinend vorbei. So lagen wir Kinder nebeneinander quer auf dem großen Ehebett und schliefen innerhalb kürzester Zeit ein.

Der Bunker am Bahnhof war riesig und grau. Ich weiß nicht genau, wieviele Etagen es drinnen gab, vier oder fünf. Wahrscheinlich war er als Schutzraum für all die Menschen gedacht, die in der Nähe des Bahnhofes wohnten bzw. arbeiteten.

Gegen Ende des Krieges wurde auch meine Familie aufgefordert, von der Ziegelhofstraße in diesen Bunker zu ziehen. Die Angriffe hatten sich gehäuft und es war einfach zu gefährlich, zu Hause zu bleiben. Was dieser Umzug für unsere Mutter mit ihren sieben Kindern bedeutet hat, kann ich nur erahnen.

Wir wurden der obersten Etage zugeteilt. Es war ein großer Raum mit mehreren Pfeilern darin. Zahlreiche Familien hatten bereits ihr Lager auf dem Betonfußboden aufgeschlagen, Möbel gab es keine. Auch Männer waren dabei, nicht viele, aber im wehrfähigen Alter. Ich weiß noch, dass ich mich darüber wunderte, wurden zu dieser Zeit doch selbst größere Jungen und alte Männer zum »Volkssturm« eingezogen.

Unsere Matratzen konnten wir nur in die Mitte des Raumes legen, sonst war kein Platz mehr frei. Dies sollte also für einige Zeit unsere »Wohnung« sein. Genauer gesagt bis zum Kriegsende, aber das wussten wir zu dem Zeitpunkt ja noch nicht.

Der Geräuschpegel war enorm. Kein Wunder bei der Menge Menschen, junge, mittelalte, alte und uralte. Zuerst fanden wir Kinder es ja noch einigermaßen interessant. Das war aber wirklich auch nur die erste Zeit. Später haben schon die Nachteile überwogen, dass wir uns zum Beispiel nicht in unserer gewohnten Umgebung frei bewegen konnten.

Mutter ist immer nach Hause gelaufen, um Mittagessen zu kochen. Manchmal nahm sie einen von uns mit, der beim Transport des Essens helfen sollte. Es kam auch vor, dass sie bei Alarm noch unterwegs war. Solange sie noch im Haus war, konnte sie ja in den Keller flüchten. Aber was, wenn sie mit den heißen Töpfen zu Fuß schon in Richtung Bahnhof lief? Die Entfernung betrug übrigens etwa einen Kilometer.

Bei den Bombardements saßen wir natürlich im Bunker. Es gab dort kein Tageslicht. Und auch das Kunstlicht dämmerte eher vor sich hin als dass es uns eine »Erleuchtung« war. Der Geruch im Bunker war mir unbehaglich, eine Mischung aus Baumaterial und Menschen. Deswegen war ich auch froh, dass wir draußen spielen durften, wenn kein Alarm war. Dort gab es Sandhaufen, in die wir Bahnen für unsere Spielzeugautos bauten, um sie in abenteuerliche Serpentinen zu schicken. Mit der Zeit entwickelten wir eine hohe Straßenbaukunst. Geneigte Kurven mit hohen Außenwällen sorgten dafür, dass die Autos auch tatsächlich unten ankamen, ohne aus der Bahn geworfen zu werden.

Bei den Bomben-Angriffen hörten wir die Einschläge mehr oder weniger laut, je nach Entfernung. Auf der ganzen Etage war es dann still, kaum einer sprach und wenn, dann nur flüsternd. Wir Kinder hatten, glaube ich, nicht solche Angst wie die Erwachsenen, wobei es sich manchmal doch auch auf uns übertrug. Immerhin saßen wir in unmittelbarer Nähe des Hauptangriffspunktes in Oldenburg. Wie schnell konnte da mal eine Bombe daneben gehen. Auch ich dachte zunächst, dass wir dort sicher sind. Bis ich eines Tages Erwachsene sagen hörte, dass bei einem Volltreffer auch nichts zu machen sei, der Bunker schütze uns nur gegen herumfliegende Splitter.

Manchmal sind wir auch draußen geblieben, wenn über uns die silberglänzenden Bombergeschwader flogen. Wie es dazu kam, weiß ich nicht mehr. Erlaubt war es jedenfalls nicht. Vielleicht war auch klar, dass sie ein ferneres Ziel anstrebten. Immerhin wurden schon zahlreiche Flugblätter, die ja tatsächlich noch Flug-Blätter waren, gefunden. Darauf standen Sätze wie: »Oldenburger, bleibt in den Betten, wir fliegen nach Berlin, zu den Fetten«. Oder: »Oldenburg wollen wir schonen, da wollen wir später drin wohnen.« Jedenfalls habe ich das tiefe Brummen der Maschinen noch heute im Ohr.

Voralarm nannte sich der erste eine Minute lange gleich bleibende Sirenenton. Kam der Vollalarm, der Heulton, war schon »Holland in Not«. Erst bei Entwarnung (der gleiche Ton wie Vorarlarm) durften wir wieder nach draußen. Und das taten wir dann auch sofort, vor allem, um die noch heißen Granatsplitter aufzusammeln. Jeder von uns Kindern hatte eine beachtliche Sammlung mit begehrten Einzelstücken, die wie Tauschbilder be- und gehandelt wurden.

Irgendwann hörten wir, wenn wir draußen waren, andere Explosionsgeräusche. Bum bum ging es, mit etwa zwei bis drei Sekunden Pause dazwischen. »Ari« sagten die Großen, also Artillerie, da höre man immer den Abschuss und den Einschlag. Ganz weit weg könne die Front nicht mehr sein.

Eines Tages marschierte auf der Rosenstraße vor dem Bunker der Feind ein. Die Soldaten gingen in langer Kette am Straßenrand. Zu meiner größten Verwunderung verkrochen sich die Erwachsenen nicht in die hinterletzte Ecke, sondern rannten freudig auf die Straße und jubelten: »Die Befreier sind da!« Ich war neun Jahre alt und verstand die Welt nicht mehr.

Die Männer in den Uniformen sahen tatsächlich trotz ihrer Waffen nicht bedrohlich aus. Einer von ihnen nahm einen Schluck aus einer dunklen Flasche und stellte sie dann auf den Bordstein. Alle, die in der Nähe waren, stürzten sich drauf. Man munkelte, es könne sich dabei nur um Alkohol handeln, anscheinend ein sehr begehrtes Getränk.

Die einmarschierenden Soldaten waren Kanadier, wie sich herausstellte. Sie sollten ab da noch länger in Oldenburg sein und mit lauten Motorrädern in absolut cooler Haltung durch die Straßen knattern.

Imme Frahm-Harms · Germanistin (M.A.) · Telefon: 0441/20 13 45 · textur(at)t-online.de
Impressum