Agentur für bessere Texte
Imme Frahm-Harms, Germanistin

menulink

Ursel B.

Schultrauma

Am 1. April 1950, ich war seit genau 15 Tagen sechs Jahre alt, war mein erster Schultag. Ich wohnte mit meinen Eltern und zwei jüngeren Geschwistern auf einem ehemaligen Militärcamp zwischen Bad Lippspringe und Schloss Neuhaus. Zwei Mal täglich musste ich »Drei-Käsehoch« (ich gehörte und gehöre noch heute zu den Kleinsten) die vier Kilometer Fußweg zur Straßenbahnendstation in Sennelager bewältigen – bei jedem Wind und Wetter. Trotzdem hatte ich einen schönen Schulanfang. Meine Leistungen waren kontinuierlich gut.

Ein Jahr später zogen meine Eltern um nach Paderborn. Ich wechselte die Schule das erste von insgesamt drei Malen in den ersten vier Schuljahren. Einmal wurden die Schulen von der Kommune in neue Bereiche aufgeteilt, ein weiteres Mal war wieder ein Umzug schuld. Der vierte Wechsel war dann der von der Grundschule aufs Gymnasium.

Ab der dritten Klasse gab es einen Knick in meiner Entwicklung. Ich konnte mich plötzlich nicht mehr konzentrieren und tauchte ab in eine Fantasiewelt. Das hatte natürlich einen Leistungsabfall zur Folge. Und das gefiel meiner ehrgeizigen Mutter überhaupt nicht. Sie hatte »Höheres« mit mir vor, sodass ich jetzt mächtig Druck von ihr bekam.

Etwas später, nachdem ich bereits die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium bestanden hatte, fielen meine Leistungen erneut ab. Daraufhin fing meine Mutter an, mich zu demütigen. »Ich melde dich wieder ab.« und »Du bist viel zu blöde.«. Sie machte mich klein und immer kleiner. Damals, im Alter von neun Jahren, begann für mich die Zeit der inneren Emigration. Zugleich wuchs meine Unsicherheit und Bockigkeit. Ich sprach mit niemanden mehr über meine Nöte.

Meiner Klassenlehrerin war aufgefallen, dass ich mich verändert hatte. Sie nahm mich beiseite und fragte »Was ist los mit dir? Du bist gar nicht mehr die Alte.«. Ich antwortete, ich wüsste nicht, was mit mir sei. Einer Schulfreundin gegenüber habe ich mich noch ein bisschen wichtig gemacht, ganz nach dem Motto: Ich lebe in meiner Fantasiewelt, das ist was Besseres als die reale Welt. Und meiner Lehrerin sei dies auch schon aufgefallen. In meiner Fantasie spielte ich mit imaginären Personen und Handlungen. Mal war es ein Prinz, der mich aus dem ganzen Schlamassel herausholte, mal eine gute Fee.

Dann kam ich aufs Gymnasium. Es gefiel mir gut dort und ich war stolz, dort zu sein. Immerhin ging damals von uns Mädchen nur ein geringer Prozentsatz auf die weiterführende Schule. Es war interessant, ich wurde gefordert und kam dadurch auch wieder etwas mehr auf den Boden der Tatsachen. Im ersten Jahr lief alles sehr gut. Im Frühjahr 1954 wurde ich versetzt. Auf meinem Zeugnis prangte jeweils eine 2 in Deutsch und Englisch, in Mathe hatte ich eine 3. Im zweiten Jahr rutschte ich schon wieder erheblich ab, doch schaffte ich mit Ach und Krach die Versetzung in die Quarta.

Danach ging das Drama jedoch erst richtig los. Wieder konnte ich mich nicht konzentrieren. Die gleiche negative Spirale setzte sich in Bewegung, wie ich es schon aus der Grundschulzeit her kannte. Meine Mutter machte mir eine Vorhaltung nach der anderen. Immer wieder bekam ich zu hören, was für eine gute Schülerin sie selbst gewesen sei. Und wie gerne sie aufs Gymnasium gegangen wäre, ihre Eltern aber das Schulgeld nicht hätten bezahlen können. Und dass die Familie wegen mir auf so vieles verzichten würde, um das Schulgeld für mich aufzubringen ...

Meine Mutter schimpfte immerzu mit mir. Sie war niemals zufrieden mit mir. Es könne doch gar nicht angehen, dass ich so lange an den Schularbeiten sitzen müsse. In einer Tour beschimpfte sie mich. Ich sei faul und dumm und was weiß ich noch alles. Das hatte zur Folge, dass ich anfing, schlechte Arbeiten zu unterschlagen. Natürlich kam ich damit erst recht in die Bredouille.

Oft setzte sich meine Mutter mit mir am Nachmittag zum Lernen hin. Danach war ich fix und fertig. Als mein Vater abends nach Hause kam, wollte er mir noch Nachhilfe in Mathe geben und auch ein wenig Ruhe verbreiten. Aber ich war schon so durchgedreht, dass nichts mehr in meinem Kopf ankam. Da resignierte er und ließ meine Mutter gewähren.

Mit dem unglaublichen Druck wuchs auch meine Unsicherheit. Die Fingernägel waren längst abgekaut.

Schon mit elf Jahren bekam ich – viel früher als meine Mitschülerinnen – meine Tage. Ich hatte furchtbare Schmerzen, manchmal konnte ich vor lauter Bauchweh nicht gerade gehen, sodass ich von der Schule nach Hause fast gekrochen bin. Meine Mutter sagte, das sei alles Einbildung. So was gäbe es gar nicht und sie hätte nie Schmerzen dabei gehabt. Diese regelmäßigen monatlichen Belastungen machten mir zusätzlich das Leben schwer.

Im Laufe des Sommers brachte ich in einem Diktat endgültig alles durcheinander: Deutsch, Englisch, Französisch – in meinem Kopf schwirrten die Vokabeln. Ich hatte das Gefühl, ich wüsste überhaupt nichts mehr. Obwohl mir das Fach Deutsch eigentlich das liebste war, schrieb ich nur noch Sechsen. Die Versetzung zur Untertertia war gefährdet.

Alle paar Tage wuchs die Angst, wenn wieder eine Klassenarbeit bevorstand. Zuhause wagte ich schon gar nicht mehr zu sagen, wann wir eine schrieben. Beim Nachhausekommen war in mir immer diese Furcht, dass meine Mutter vielleicht die Mutter einer Mitschülerin getroffen, um sich mit ihr auszutauschen. Aus demselben Grund wagte ich auch kaum noch, eine Klassenkameradin nachmittags mit nach Hause zu bringen. Garantiert hätte meine Mutter gefragt: »Na, habt ihr denn eine Arbeit schon wieder zurück bekommen?« Sie kontrollierte mich, wo sie nur konnte.

Wieder fühlte ich mich in die Enge getrieben. Der Druck, der auf mir lag, wurde unerträglich, so dass ich nicht mehr ein noch aus wusste. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als die Unterschrift meiner Mutter zu fälschen. Dann kam ein Gedanke auf, der mich mehr und mehr beherrschte »Ich kann nicht mehr! Ich nehme mir das Leben.« Nirgendwo gab es für mich jemanden, dem ich mich hätte anvertrauen können.

So kam es, dass ich eines Tages in der Schule Bauchschmerzen vortäuschte. Die Lehrerin schickte mich nach Hause. Da meine Mutter berufstätig war, wusste ich, dass ich niemanden aus meiner Familie antreffen würde.

Es gab eine Freundin in meiner Klasse, die bemerkt hatte, dass etwas mit mir nicht stimmte. In der Pause ging sie zum Lehrerzimmer und sprach mit unserer Deutschlehrerin. »Helga tut sich bestimmt was an.« Doch die Lehrerin lachte sie nur aus. Als ich das später erfuhr, tat es mir besonders weh. Ich mochte diese Lehrerin, unter anderem deswegen, weil sie so gut und dramatisch Gedichte vorlesen konnte.

Zu dem Gespräch im Lehrerzimmer gesellte sich eine andere, sensiblere Lehrerin. Als sie vernahm, worum es ging, wurde recherchiert, wo man meine Mutter erreichen könne. Sigrid, meine Freundin, wusste den Namen der Firma, und so rief die Lehrerin dort an.

Meine Mutter ist dann sofort nach Hause gelaufen, doch ich war noch nicht dort. Der Schulweg war nach einem weiteren Umzug noch einmal länger geworden. Ich war noch unterwegs zur … Straße. Sie hat mich dann in der ganzen Gegend gesucht. Jedenfalls war niemand im Haus als ich dort ankam. Ich ging in die Küche, drehte den Gasherd und den Backofen auf, schloss Fenster und Türen und dichtete sie mit Schrubberlappen ab, damit kein Gas nach draußen entströmen konnte. Dabei habe ich gedacht: Schade, eigentlich wolltest du selbst einmal Kinder haben. Die kriegst du nun nicht mehr.

Plötzlich – ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war – wurde die Küchentür aufgerissen. Meine Mutter stürzte herein, drehte das Gas ab, riss die Fenster auf, packte mich und beorderte mich ins Bett. Dort ließ sie mich bis zum nächsten Tag liegen. Kein Wort, keine Fragen, kein Trost. Auch mein Vater kam nicht ins Zimmer, um mit mir zu sprechen.

Für den nächsten Tag hatte meine Mutter einen Termin in der Schule vereinbart. Als sie wiederkam, war ich von der Schule abgemeldet. Man hatte ihr die gefälschten Unterschriften gezeigt. Die Lehrerin hatte meine Tat längst durchschaut.

Daraufhin stellten meine Eltern mich zur Rede. Mein Vater war außer sich und so fassungslos, dass er mich getreten hat. Seine Tochter, eine Urkundenfälscherin!

Meine Mutter sorgte dafür, dass ich in der Volksschule angemeldet wurde, wo ich bereits die ersten vier Schuljahre verbracht hatte. Es war keine Rede von Mittelschule. Das hatte ich mir durch mein »kriminelles« Verhalten eingebrockt. Auch meine Klavierstunden wurden ersatzlos gestrichen. Ich durfte nirgendwo hingehen, denn man wollte mich keinesfalls mehr in die Nähe fremder Leute Kinder lassen.

Ich wurde völlig links liegen gelassen. Das hatte den Vorteil, dass ich keinem Leistungsdruck mehr ausgesetzt war.

So kam ich wider Erwarten in der neuen, alten Schule ganz gut zurecht. In den Klassenarbeiten schrieb ich locker eine 2 nach der anderen. Die Schule selbst hatte einen guten Ruf, es gab interessanten Unterricht sowie junge, aufgeschlossene Lehrerinnen und Lehrer. So manchen Charakterkopf habe ich während des Unterrichts unter der Bank gezeichnet.

Eines Tages geschah ein Highlight, das meinen weiteren Weg schleichend, aber kontinuierlich beeinflusst hat und mir auch die Hoffnung gab, doch nicht so blöd zu sein, wie meine Eltern, insbesondere meine Mutter, es mir nach wie vor vorhielten.

Da unsere Schule einer pädagogischen Akademie angeschlossen war, wurden wir von Zeit zu Zeit von einem Professor unterrichtet. Im Hintergrund saßen dann seine Studenten, die angehenden Junglehrer. Der Professor hatte die Fächer Deutsch, Geschichte und Erdkunde einfach zusammengelegt. Das war in der achten Klasse. Eines Tages stellte er eine Hausaufgabe mit dem Aufsatzthema »Die Reise eines Kaufmanns im Mittelalter von Basel nach Venedig«. Wir sollten schreiben, womit er handelte und was er in dieser Zeit alles erlebt hat. Das war ein Thema so ganz nach meinem Herzen. Zudem wurde in Aussicht gestellt, dass der beste Aufsatz vor der Klasse verlesen werde. Ich war begeistert und setzte mich gleich nach Schulschluss vor mein Aufsatzheft.

In dieser Klasse gab es eine Konkurrentin für mich. Sie wurde von den Mitschülerinnen und Lehrern hofiert und war – bevor ich kam – immer Klassenbeste. Eine Schönheit aus gutem Hause, die mir aber vom Intellekt her bestimmt unterlegen war. Doch das war mir damals nicht bewusst. Zwischen uns lief unausgesprochen ein Wettbewerb. So auch diesmal.

Ein paar Tage nach Abgabe der Arbeit kam unser Klassenlehrer Herr Hottenrott zu meinem Entsetzen mit zwei der mittlerweile durchgesehenen Hefte ins Klassenzimmer. Waltraut wurde aufgerufen und begann, ihren 10-seiten Aufsatz vorzulesen. Doch ihre Stimme war so eintönig und natschig, dass »mein« Herr Hottenrott sie nach der dritten Seite aufforderte einzuhalten. »Das wird wohl doch zu lang, dann liest Helga ihren Aufsatz bitte noch vor.«

Und ich las ihn vor, recht lebhaft und bis zu Ende. Die Studenten, die auch in dieser Stunde im Hintergrund saßen, klopften nach Abschluss heftig auf ihre Tische. Ich war selig. Kurz darauf ließ der Professor mich zu sich rufen und fragte, warum ich nicht auf der höheren Schule sei. Ich musste ihm antworten, dass ich seit einem halben Jahr von dort runter sei. »Wer hat das denn versaut?« sagte er wortwörtlich. Lange, sehr lange hat dieser Satz in mir weiter geklungen. Denn irgendwie wusste ich ja, ganz so doof bin ich nicht. Doch dieses Wissen um meine Stärken war verschüttet. Mühsam, sehr sehr mühsam habe ich dieses Wissen über viele Jahrzehnte lang wieder ausgegraben.

Imme Frahm-Harms · Germanistin (M.A.) · Telefon: 0441/20 13 45 · textur(at)t-online.de
Impressum