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Imme Frahm-Harms, Germanistin

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Möbelwerk Heidenau

Alles nicht so einfach

Produziert wird mit herkömmlichen Holzbearbeitungsmaschinen. Zu der Zeit gilt der Einsatz einer Mehrblattkreissäge zur Herstellung der Stäbchen für die Mittellagen noch als absolute Errungenschaft.

Hinzu kommt, dass es ab 1954 für bestimmte Leistungen und Produkte keine Bilanzierungen und Kontingente mehr gibt. Für die Werkzeugschleiferei, Schlosser, Elektriker, Klempner, Bauhandwerker, Vorrichtungsbauer sowie Kraftfahrer und Hofarbeiter werden jetzt eigene Werkstätten eingerichtet. Außerdem ist der Bau eines neuen Kesselhauses notwendig. Überhaupt: das Kesselhaus! Die dafür monatlich erforderlichen 600 Tonnen Rohbraunkohle müssen alle per Hand aus den Waggons auf dem Güterbahnhof entladen werden, was natürlich einen enormen Zeit- und Personalaufwand bedeutet.

Nebenbei braucht das Möbelwerk auch noch zehn weitere Küchen- und Kantinenkräfte, einen Parteisekretär, einen BGL-Vorsitzenden ... Damit steht fest, dass viele der mittlerweile 600 Arbeiterinnen und Arbeiter „unproduktiv“ im Sinne der Möbelherstellung arbeiten.

In diesen so genannten Hilfsabteilungen werden keine Rationalisierungsmaßnahmen vorgenommen. Nach wie vor dominiert hier die Handarbeit. Verschiedene Abteilungen werden neben Reparaturarbeiten für Instandsetzung an Gebäuden, aber auch – wie die Vorrichtungsbauer – zur Rationalisierung der Fertigung eingesetzt. Sie alle haben dadurch keinen direkten Einfluss auf die Produktivität. So bleibt auch das Lohnniveau der Mitarbeiter niedrig. „Schuld“ daran haben weder die Mitarbeiter noch die Werkleitung. Die Ursache liegt eindeutig im System selbst, das Politik über Ökonomie stellt.

Das erkennt offensichtlich auch der Betriebsleiter Klein, der es vorzieht, seinen Werdegang ab 1954 im Westen Deutschlands fortzusetzen. An seine Stelle tritt – allerdings nur für wenige Monate – Rudi Börner.

In diesem Jahr zieht die Staats- und Parteiführung offensichtlich noch weitere Lehren aus dem Aufstand von 1953. Zur Erhöhung der inneren Sicherheit der DDR werden jetzt Kampfgruppen gebildet. Dabei handelt es sich um militärische Untereinheiten, die sich aus Mitarbeitern der Betriebe rekrutieren. Einmal im Monat findet eine Ausbildung unter militärischen Bedingungen statt, Spezialeinheiten werden sogar mit Waffen ausgerüstet.

Blühendes Geschäft

Zehn Jahre nach Kriegsende gelingt es Hofmann, der ab 1955 das Werk leitet, erstmalig, in Heidenau produzierte Möbel ins Ausland zu exportierten. Es handelt sich um Schlafzimmer mit der Modellnummer „S 374“. Sie zeichnen sich aus durch schmucke Lisenen und Rundungen an Türen und Vorderstücken. 800 dieser Garnituren werden in die Niederlande exportiert. Werden sie zunächst noch in polierter Ausführung hergestellt, so wird diese Oberfläche später von Spritzpolyester ersetzt. Die Einführung dieses neuen Polyesterlackes trägt eindeutig zur Effizienz in der Oberflächenbearbeitung bei und ist eine echte Qualitätsverbesserung.

Endlich wird im Möbelwerk Heidenau ein Erzeugnisprofil entwickelt, auf dessen Basis nun auch eine Rationalisierung der technischen Abläufe erzielt werden kann. Im Bereich Technik, den in der Folgezeit der erste technische Leiter Walter Lange übernimmt, werden jetzt ebenfalls Vorrichtungen und kleinere Maschinen entwickelt, die die Produktivität des Unternehmens in den nächsten Jahren steigern sollen:

  • das Furnieren von geraden und runden Kanten wird rationalisiert
  • das Verleimen von Korpussen (ist laut DUDEN richtig) erfolgt in Mehrfachvorrichtungen, sodass sich hier die Produktivität verdreifacht
  • Rundungen werden nicht mehr mühsam an die Flächen angeleimt, sondern mit Hilfe von speziellen Vorrichtungen aus der Fläche heraus gebogen
  • es werden Flächenschwabbel- und Schleifmaschinen entwickelt
  • Türenfalze können jetzt furniert werden – vorher gab es nur einen Massivholzanleimer
  • mechanische Hebebühnen zur Erleichterung der körperlich schweren Arbeit werden eingesetzt
  • das Anbringen von geraden Kanten erfolgt jetzt im Durchlaufverfahrendas Taktstraßensystem bei der Korpusmontage findet seinen Einzug

Diese technischen „Kicks“ machen es möglich, dass es nun auch Verbesserungen in der Gestaltung der Modelle geben kann. Helle Hölzer werden z. B. mit dunklen kombiniert. Jetzt ist es an der Zeit, dass eines der schönsten, aber auch aufwändigsten Modelle entsteht, das bis zu dem Zeitpunkt in Heidenau produziert wurde: das Modell „Dominia“.

Wer ein solches Modell sein eigen nennen will, braucht Geduld. Die Nachfrage ist groß und die Wartezeit ähnelt der für Trabant und Wartburg. Auch im Westen Deutschlands weckt dieses formschöne und solide gebaute Schlafzimmer Begehrlichkeiten. In verschiedenen Ausführungen wird „Dominia“ unter anderem zur Firma Schmidbauer in die Bundesrepublik, aber auch in die Niederlande geliefert.

Schlafzimmer gegen Arbeit

Auch sowjetische Offiziere interessieren sich in wachsendem Maße für die schönen Schlafzimmer, wobei es bei ihnen regelmäßig Sonderwünsche gibt. Diese zu erfüllen ist Aufgabe der Parteileitung. Da es den Offizieren in der Regel an Geld mangelt, wird der Ausspruch „Wie viele Wochen müssen meine Soldaten für dieses Zimmer bei Ihnen arbeiten?“ zum geflügelten Wort. Und sie müssen hart dafür arbeiten. Sie laden Kohlewaggons aus, stapeln Holz und verrichten andere schwere Arbeiten. Als direkten „Lohn“ erhalten sie vor Ort wenigstens ein anständiges Frühstück und Mittagessen. Die Verköstigung sorgt für große Freude, denn das Essen in den sowjetischen Kasernen ist deutlich schlechter.

Zumindest nach außen hin funktioniert die Zusammenarbeit von Werkleitung, Partei und Gewerkschaft Mitte der 1950er-Jahre deutlich besser. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

Auch wenn es immer wieder kleinere Fortschritte über die Jahre gibt, so bleibt der große technische Fortschritt bis Mitte der 1960er-Jahre aus.

Für Hans Pfeifer, der im Jahr 1957 Hofmann als Betriebsleiter abgelöst hatte, wird es immer schwerer, die notwendigen Materialien für die Fertigung des Modells Dominia herbeizuschaffen. Doch langfristig gesehen setzt er sich gegen die politische Leitung durch. So ist es ihm zu verdanken, dass der Betrieb in den Folgejahren wieder Kontinuität und Stabilität erlangt. Unterstützt wird er in seinem Bestreben durch die Arbeiter und Techniker, die mit Fleiß und Ideenreichtum das ihrige zum Erfolg beitragen.

Es hatte sich über die Jahre eingebürgert, dass der mit Kontingenten hinterlegte Furniereinkauf grundsätzlich – und aus gutem Grund – persönlich im Furnierwerk erfolgte. Vor einer solchen Reise wurde der Einkäufer mit reichlich Bargeld und Schnaps ausgestattet. Zum Dank dafür bekam er einen großen Anteil Furnier in A-Qualität. Übrigens wird in diesem Zeitraum in der Produktion auch die ausschließlich selbst hergestellte Sperrholzplatte durch die Spanplatte abgelöst.

aus: Die Geschichte des Möbelwerkes Heidenau – 1898-2012

Imme Frahm-Harms · Germanistin (M.A.) · Telefon: 0441/20 13 45 · textur(at)t-online.de
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