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Imme Frahm-Harms, Germanistin

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125 Jahre BÜFA

Heraus aus der Enge

1953 entscheidet Kolwey, die Firma in zwei Geschäftsbereiche mit je zwei Sparten aufzuteilen:

1. Farben und Lacke (Anstrichmittel) und Glas
2. Chemikalienhandel und Anilin

Als de Vries wieder in Oldenburg ist, überrascht er J. D. Kolwey mit einer neuen Geschäftsidee: „Warum sollten wir nicht einzelne Farbdosen an Malerbetriebe verkaufen?“ Vielleicht war der „Ausflug“ nach Hamburg wirklich nicht ganz ohne Hintersinn?

So mag auch eine weitere Reise de Vries’ – diesmal nach Amerika von November 1958 bis Januar 1959 – den einzigen Grund haben, erneut über den Tellerrand zu schauen. Kolwey ist einverstanden und zahlt ihm sein Gehalt weiter.

Die meisten Lackfabriken, die er in den USA besucht, sind jedoch eher primitiv. Mit Ausnahme von einer. Hier „entdeckt“ de Vries das Schwerkraft-Prinzip. In kurzen Worten: Produktion ist oben, Abfüllung und Verpackung unten. Er ist beeindruckt und schreibt postwendend einen Brief an Kolwey. Darin formuliert er den „Auftrag“, ein bestimmtes Grundstück an der Donnerschweer Straße zu kaufen.

Schon längere Zeit ist eine Expansion im Gespräch. Der Standort an der Bahnhofstraße wird langsam zu eng. Auch kommen die Tankwagen kaum durch die Tor-Einfahrt. Sie müssen schon die Luft aus den Reifen lassen, um auf den Hof fahren zu können. Während de Vries begeisterter Vorreiter dieser Idee ist, ist Prokurist Röder strikt dagegen: „Nicht nötig!“

Noch in de Vries’ Abwesenheit kauft Kolwey ein Grundstück. Allerdings nicht das, was ihm sein Mitarbeiter von Übersee her empfiehlt, sondern eines weiter im Stadtnorden, in Oldenburg-Ohmstede, genauer gesagt an der Donnerschweer Straße 372. Mit diesem Schritt setzt Kolwey den nächsten Meilenstein für die Zukunft der Firma.

Das Haus ist bestellt

Die Entwicklung Anfang der 1960-er Jahre kann positiver nicht sein. So werden 1962 sogar neue Unternehmensbereiche geschaffen: der Vertrieb von Polyesterharzen und Textilglas sowie die Herstellung von farbigen Gelcoats und PALATAL (Kunststoff).

Mitte Juli wird Richtfest an der Donnerschweer Straße gefeiert. Der erste Bauabschnitt mit den Unternehmensbereichen Textilhilfsmittel, Farbstoffe und Chemikalienhandel, Labor-, Produktions-, Lager- und Büroräume ist fertig gestellt. Johann Dietrich Kolwey, mittlerweile fast 80-jährig, hält eine Rede, in der er sich unter anderem an die Bauarbeiter wendet:

„Wir liefern die Waren an unsere Filiale in Paris und alle anderen europäischen Staaten außer Russland. Aber das nicht allein, wir liefern nach Nord- und Südafrika, nach Indien, Madagaskar, Korea, Neuseeland, Syrien, Israel etc. Sie sehen also, daß aus dem Haus, das Sie erbaut haben, deutsche Erzeugnisse in alle Welt gehen.“

Einfügung:

Auszug aus Kolweys Rede zum Richtfest, 13. Juli 1962:

(…) Sie sind alle eigentlich recht glückliche Arbeiter, denn was Sie schaffen, bleibt, wenn auch nicht ewig, so doch nach menschlichem Ermessen sehr lange bestehen, so daß Sie sich selbst später, wenn Sie hier vorübergehen, über das Gebäude, was Sie mit erstehen halfen, freuen und mit Stolz sagen können: ‚Hier habe ich mitgearbeitet, das ist ein Zeugnis meiner Arbeit.’

Zu dieser Ansicht bin ich vor ca. 30 Jahren gekommen. Vor der Einfahrt zu unserem Geschäftshaus in der Bahnhofstraße – es war noch vor dem Brand – traf ich einmal einen alten Herrn, der sehr neugierig in das Gebäude hineinblickte. Ich fragte ihn, was für ein Interesse er daran habe. ‚Ja’, sagte er, ‚hier habe ich meine Lehrlingsarbeit geleistet. Ich bin Postoberbaurat und meine praktische Arbeit, um Architekt zu werden, habe ich bei der Oldenburger Firma damals durchgemacht und dieses Gebäude mit bauen helfen. Es erfüllt mich jedesmal, wenn ich hier vorbeigehe, mit Stolz, daß meine Lehrlingsarbeit noch immer erhalten ist.’

Ich hoffe, wenn Sie später einmal hier vorbeigehen, mit frohem Sinn an die Arbeitszeit, die Sie bei diesem Gebäude verbrachten, zurückdenken. (…)“

Kolwey, der trotz seines Alters alle Fäden in der Hand hält und der zudem noch immer als kreativer Impulsgeber wirkt, trifft 1964 eine wichtige Entscheidung, seine Nachfolge betreffend. Er überträgt die Geschäftsleitung nicht einem einzelnen Mitarbeiter, sondern einem Leitungsgremium. Das Unternehmen wird in mehrere selbstständig operierende Unternehmensbereiche geteilt: Gerd de Vries übernimmt die Leitung der Bereiche Chemikalienhandel, Reinigungssysteme, Kunststoffe und Glas; Wolfgang Schlicht ist verantwortlich für Farben und Lacke.

Parallel zum Unternehmen entwickelt sich auch das Markenzeichen. In einem Schreiben vom 25. Juni 1965 informiert Kolwey seine Kunden und Lieferanten wie folgt:

Sehr geehrter Geschäftsfreund,

im Jahr 1923 wurde ich Inhaber der Firma Büsing & Fasch und übernahm auch die Führung dieses Unternehmens. In den zurückliegenden Jahren haben meine Mitarbeiter und ich unsere ganze Kraft für den Ausbau der Firma eingesetzt und uns dabei immer von dem Gedanken leiten lassen, Sie und alle unsere vielen Kunden mit noch immer besseren Qualitäten zu beliefern.

Wenn ich auch bereits in einem Alter stehe, in dem die meisten Menschen einem beschaulichen Lebensabend entgegensehen, bin ich trotz dieses Alters immer mit meinen Gedanken dabei, der Firma neue Impulse zu geben und mich auf die Belange der Gegenwart einzustellen.

Dieses „mit der Zeit gehen“ zeigte sich bei meiner Firma in den ganzen Jahren dadurch, daß wir immer bestrebt waren, Sie mit Fabrikaten zu bedienen, die dem neuesten Stand der Technik entsprachen.

Ich möchte aber auch äußerlich dieses „mit der Zeit gehen“ sichtbar werden lassen. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, das Firmenzeichen zu erneuern; das alte Büfazeichen soll von dem neuen Zeichen abgelöst werden, das Sie auf diesem Briefbogen wahrnehmen.

An dieser Stelle danke ich Ihnen für das meiner Firma entgegengebrachte Vertrauen und hoffe, daß unsere Geschäftsverbindung sich weiter verstärken wird.

Meine Mitarbeiter und ich werden alles tun, um Sie in jeder Weise zufriedenzustellen.

Ihr sehr ergebener J.D.Kolwey

Zur Fertigstellung des zweiten Bauabschnittes, der Lackfabrik, ist Kolwey guter Dinge. Doch kaum zwei Monate später stirbt der Mann, am 7. April 1966 im Alter von 83 Jahren. Er ist zu diesem Zeitpunkt genauso alt wie seine Firma. Mit ihm geht eine Ära zu Ende.

Er, der stets freundliche, verständnisvolle Vorgesetzte, dieser immer gütige, hilfsbereite Mensch, hat sein Werk vollbracht. Aus einfachsten Verhältnissen kommend, wuchs er als sechstes und jüngstes Kind seiner Eltern ab dem fünften Lebensjahr vaterlos auf. Durch seine ihm eigene Strebsamkeit hat er sein Ziel erreicht: ein eigenes Engros-Geschäft zu leiten. Erst ein Jahr vor seinem Tod war das Logo des Unternehmens modernisiert und der Firmenname um das Wort „Kolwey-Werke“ ergänzt worden, „um in Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen: Dies ist  sein  Werk, das Werk J. D. Kolweys.“ In seiner Folge übernimmt seine Witwe Hertha Kolwey die Inhaberschaft.

Seine Lebensleistung besteht vor allem aus der Tatsache, dass er immer wieder Aufbauarbeit leistet, ohne jemals zu resignieren. In schweren wirtschaftlichen Zeiten hatte er das Unternehmen übernommen. Ihm gelang der Wandel vom Handels- zum Produktionsunternehmen, er überstand zusammen mit seinem Team sowohl die Weltwirtschaftskrise im Jahr 1927 als auch den Großbrand 1936, bei dem das Gebäude an der Bahnhofstraße 11 komplett zerstört wurde. Weitere Schicksalsschläge folgten. Der härteste davon war sicher der Verlust beider Söhne im Zweiten Weltkrieg. Und trotzdem hatte er die Kraft, die Firma Büsing & Fasch nach Kriegsende wieder aufzubauen. Was immer ihn all die Jahre geleitet hat, es brannte wie ein Feuer in ihm. Bis zuletzt.

aus: Der BÜFA-Weg – Ein Oldenburger Lesebuch mit Herz,
ISBN: 978-3-8995-581-1

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